Hyperbaustelle

Februar-Kehraus

Scheiden tut weh – statt des Winters hätte die Hyperbaustelle in der verückten Jahreszeit gerne die FDP samt ihres Steuersünderklientels hinausgekehrt. Die karnevalesken Einlassungen sollten dabei keineswegs systemstabilisiernd wirken, sondern als durchaus gesellschaftsverändernd verstanden werden. So sorgte der Maskenbruch des Kabarettisten Christian Springer alias Fonsi erst am Aschermittwoch für Furore. Das hatte utopischen Drive: »Ich habe keine Lust mehr, Herr Westerwelle, über Sie Späße zu machen …«

Fonsi beim Aschermittwoch der Kabarettisten 2010

Das Beste am Karneval: Aschermittwoch und Maskenbruch: Christian Springer am Aschermittwoch der Kabarettisten 2010.

Der Karneval hat laut dem russischen Literaturtheoretiker Michail M. Bachtin schlagkräftige Methoden, die offizielle und auf Hierarchien basierende Kultur zu erden. Das, was man heutzutage als Karneval oder auch Comedy kennt, dürfte diese Qualitäten kaum mehr besitzen. So verwundert es nicht, dass der Karneval den Gipfelpunkt in seiner Selbstentlarvung am Aschermittwoch erreicht, genau der richtige Zeitpunkt für Kabarettisten, sich vom närrischen Treiben in den Ernst der semantischen Karnevalisierungen zurückzumelden. Christian Springer hat dies auf einzigartige Weise bewerkstelligt, indem er Fonsi als bayovarisch-ethnische Haut auf der Bühne liegen ließ und seine eigenen Worte persönlich an Guido Westerwelle richtete.

Sternstunden des Kabaretts

Der Beitrag zu Fonsis Selbstüberschreitung wurde massiv aus dem Netz nachgefragt. Wie ich selbst suchten alle zunächst vergeblich einen Video-Mitschnitt, der später von Lorenzo zur Verfügung gestellt und auf der Hyperbaustelle eingebunden wurde. Alle Kommentatoren sind sich einig: Christian Springers Auftritt war eine Sternstunde des Kabaretts. In den Kommentaren sah mule die »Grenzen politscher Kunst neu gezogen«. Umso so verwunderlicher, dass der BR und die anderen klassischen Medien diese Stellungnahme nicht im angemessenen Maß würdigten, ich zitiere Tommy: »Ich durchforste den Pressespiegel der Google-News nach dem in meiner armseligen Naivität erwarteten vielstimmigen Echo auf diesen einsamen Act of Courage im Bayerischen Fernsehen. Ergebnis: Nichts! Oder bayrisch: Nix!« asdf geht noch weiter: »Obwohl ich kein Anhänger von Verschwörungstheorien bin, glaube ich trotzdem, dass hier kein Echo gewollt ist.«

Das, was sich derzeit in Deutschland abspielt, wird in der Komisierung oder humorvollen Vermittlung weit unterschätzt. Die Machenschaften von Gelb-Schwarz, Banken, Managergilden und Steuerkriminellen schreien nach einer Perspektivik, die sich aus den von oben verordneten Sachzwängen löst. Nach Bachtin ist die Exzentrizität ein Verfahren des Karnevals. Sie lässt das Verdrängte wieder in den Vordergrund treten und veröffentlicht das Verborgene, wunderbar zu sehen an Springers Statement gegen Westerwelle. »Ich habe keine Lust mehr, Herr Westerwelle, über Sie Späße zu machen …«, dieser Satz trifft genau das, was jeder denkt: Die dreiste Klientelpolitik Westerwelles macht dem Spaß ein gewaltiges Loch. Guido ist keineswegs ein rhetorisches, mobiles Spaßgefäß, ein überflüssiger Busch auf der Bühne, wie es Urban Priol einmal ausdrückte, sondern ein besonders verantwortungsloser Machtpolitiker mit Marketingweichzeichnung.

Gegen die Hierarchien der Gesellschaft setzt der Karneval nach Bachtins Verständnis das Familiäre. »Ich kenn dich doch, Guido«, blinzelt Rob Vegas in seiner Internetshow in die Kamera, »die Streusalzreserve darf natürlich nur dazu benutzt werden, die Auffahrten von Mövenpick-Hotels zu streuen«. Die gemimte Vertrautheit entlarvt das missbrauchte Vertrauen. Der Selfmade-Entertainer Robert Michels beherrscht das Mischen von oben und unten und beschert uns viele karnevalistische König-Narr-Paarungen aus dem aktuellen Tagesgeschehen: angefangen bei Las Vegas und Bielefeld, wo er herstammt, über Superstar und Steuersünder, Selbstmord-Attentäter und Schweizer Bankomaten bis hin zu FDP-Parteitag und der Verhandlung mit Steuerkriminellen. So treffend kommen die Vertracktheiten unserer Zeit nur in der Karnevalisierung zusammen – hoffentlich mit dem Effekt, in der Zukunft überwunden werden zu können.

Umfrage: Steuersünder-CD kaufen?

Im Februar lief außerdem eine Umfrage auf der Hyperbaustelle:  Steuersünder-CD kaufen? lautete die Frage, bei der die Besucher zwischen drei Antworten wählen konnten:

Result Voting Steuersuender

Es wurde klar, dass 76 % ein Vorgehen gegen Steuersünder für richtig erachten und nur 24 % ein staatliches Einschreiten mit Hilfe von Hehlerware für bedenklich halten. Nicht entscheiden konnten sich die Besucher, ob man die Hehler bezahlen oder verhaften solle. Danke noch einmal fürs Mitmachen.

Utopie auf der Hyperbaustelle

Ob das Netz per se eine Utopie sein kann, oder ob es an den freiheitsliebenden Menschen im Netz liegt, wurde im Netz zum Jahrestag der am 8. Februar 1996 veröffentlichten »Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace« diskutiert. vali stellte in Frage, ob der »Cyperspace die letzte Rettung der Freiheit« sein kann. Sie begreift Bewusstseinsumbildung als einen Traum, »der hält, bis wir die eigene Nase ergreifen«. Kathrin sah die Notwendigkeit einer Zivilisation des Geistes, auf die Zivilisation im realen Raum zurückzuwirken: »Denn das müsste sie doch, wenn sie etwas anderes sein soll als eine Sphäre neben dem eigentlichen Leben, die man immer nur auf Zeit und auch nur dann, wenn man über die entsprechenden Möglichkeiten verfügt, betreten kann?« Claudia erinnerte an die Pionierzeit des Internets als an eine Zeit »überschäumender Utopien«: »Doch die “alte Welt” driftete nach und nach ja doch ins Netz. Ab 1997 kamen mehr und mehr Akteure mit kommerziellem Interesse und schon bald blähte sich die DotCom-Blase auf: alle Welt tat so, als sei da eine neue CashCow erfunden worden!«

Netzwerke scheinen an und für sich etwas Utopisches zu haben, wegen der Dynamik der Zusammenschlüsse und der daraus resultierenden möglichen neuen Ideen und Projekte. Die Frage, ob Google mit seinem Nexus-Handy oder ein literarisches Werk eher diese Qualität des Netzwerks erfüllen, habe ich in meiner kleinen Hommage an Philip K. Dick untergebracht. Wie im Nexus aus der utopischen Literatur kommt es m.E. schließlich auf die unmittelbare und substanzielle Verbundenheit zwischen den einzelnen Mitgliedern an. Denn die äußere Hülle des Nexus ist ein großes Rechtsgeschäft. vali sei für den Hinweis gedankt, dass Nexus in der Biologie für eine funktionelle Gleichschaltung von Nerven- oder Muskelzellen steht. Was ein intellektuelles Netzwerk zusammenführen kann, hat Paul herausgefunden: Das französische Intelligenznetzwerk rund um Albert Camus las Pablo Picassos einziges Bühnenstück szenisch.

Utopische Ansätze sind im Tagtraum oder im Entrückungszustand zu erkennen, allerdings als eine Art bedrohte Idyllik oder fetischisierte Flucht, wie der Film »Nuit Blanche« im Beitrag Entrückung zeigt. Auch im Spielen ist viel utopische Potenz enthalten, anlässlich eines Besuchs im Spielzeugmuseum hielt ich meine Eindrücke in Toy Story fest: Spielzeug will immer schon auf gesellschaftliche Rollen einstimmen, die Frage ist, ob es die richtigen sind. Dass es Millenniumsentwicklungsziele gibt, die von den Regierungen von 189 Ländern während eines Gipfeltreffens der Vereinten Nationen in New York erklärt wurden, ist sehr gut, dass Filmemacher mit Notimeleft an die Einhaltung dieser Ziele erinnern müssen, kann nur als äußerst bedenkenswert angesehen werden.

2110 Neuronale Uploads und Perpetuum Mobile

Das Tagebuch aus 2110 beschäftigte sich mit Optimierungen des menschlichen Großhirns (Viren, Wörter und Gefühle, Für den Körper lernen wir) und mit der Deutschen liebstem Kind, ihrem fahrbaren Untersatz: Ewig so weiterfahren. Dass neuronale Uploads Folgen für die Identitätsstiftung des Menschen haben, war Gegenstand der Diskussion. Wo ist der Unterschied zur Hirnwäsche? »Wo kommt die emotionale Affinität zu einem Gedankenstrom her«, fragte Nina. Und vali bemerkte angesichts der Vision eines neuronalen Faktenuploads: »Da sehnt man sich nach dem guten alten Nervensystem, das schon an der ersten Synapse (von draußen rein) zeigt, wer hier der Capo ist, und diesen Eingang schon vor seinem Eintreffen im Bewusstsein hemmt oder fördert.« Für mule war die Utopie des energieerzeugenden Selbstbewegers plausibel: »Allerdings dürfte die aktuelle Automobilindustrie alles daran setzen, sie zu verhindern. Wertverlust für ihre ollen Karren wäre zu groß.«

Die vorherigen Monate im Überblick

Dieser Beitrag wurde am Sonntag, 28. Februar 2010 um 17:22 Uhr von urb veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Über das Blog abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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2 Kommentare »

  1. [...] Februarkehraus [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Baustellenerwachen | Utopie-Blog – 05. Mai 2010 @ 23:03

  2. [...] Februarkehraus [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Erneut im Mai | Utopie-Blog – 31. Mai 2010 @ 10:47

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