Der Philosoph Thomas Metzinger legte 2009 ein interessantes Buch zur Neurophilosophie vor. Die menschliche Existenz erscheint darin als Ego-Tunnel, im Wesentlichen als eine Bühne, auf der das Gehirn Regie führt. Irgendwie spukt hier Schopenhauer in der Theatermaschinerie – einige Punkte, die mir trotz aller Überzeugungskraft des Buches nicht einleuchten wollen.
Kann Praxisphilosophie ein alternatives Zukunftskonzept liefern? Horst Müller zeigt, wo die Hebel für eine Transformation der Gesellschaft angesetzt werden können und welche Rolle Sozialwirtschaft und Sozialstaatlichkeit dabei spielen.
Wir arbeiten, um zu leben: Ökonomie sollte für die Menschen gemacht sein; Foto: Domnik
Philosophie sollte Praxisbezug besitzen und bloße Kritik überschreiten. Horst Müller widmet sich seit vielen Jahren einer utopischen Ausrichtung der politischen Ökonomie, um zu zeigen, wie eine Systemalternative zum Kapitalismus ausschauen könnte.
Wir arbeiten, um zu leben: Ökonomie sollte für die Menschen gemacht sein; Foto: Domnik
Die Hyperbaustelle ist im Herbst umgezogen, wie die Betreiber. Die Menge der Beiträge ging deshalb zurück, die Zugriffsstatistik aber weiter nach oben. Der erste Rückblick seit Juli umfasst philosophische An- und politische Erregungen. Und ein sich immer besser auch in Kommentaren entfaltendes Tagebuch 2110.
1989 schlug Tim Berners-Lee seinem Arbeitgeber CERN ein Projekt vor, das auf dem Prinzip des Hypertexts beruhte und den weltweiten Austausch sowie die Aktualisierung von Informationen zwischen Wissenschaftlern vereinfachen sollte. Hieraus entstand das WWW.
Mit seinem Buch »Auf verlorenem Posten« liefert der slowenische Philosoph und Psychoanalytiker ein kritisches Bild des Kapitalismus und der liberalen Utopie, die so freiheitlich und offen daherkommt, aber im Grunde das perfideste Stück Ideologie ist, dem sich die Menschheit bislang untergeordnet hat.
Der Philosoph und Psychoanalytiker Slavoy Zizek ist ein leidenschaftlicher Kritiker des Kapitalismus.
Manche Menschen leben immer noch in der Annahme, wir befänden uns bereits jenseits des Endes der Geschichte, eine alte US-amerikanische Zwangsvorstellung. Geschichte ist aber kein Organismus, der unabhängig vom Menschen wächst und neben ihm einfach sterben kann. Wir haben gerade erst gelernt, dass wir Geschichte gestalten können, und schon wollen wir sie wieder verabschieden. Als ob wir Angst davor hätten, einen Plan zu haben …
Warum haben wir unserer Epoche keinen Namen mehr gegeben? Oder so viele, dass die Benennung keinen Sinn mehr ergab? Post… Post… Post… Post… Angekommen in einem Nirvana, das scheinbar eine Zeit ohne uns selbst imaginiert. Die Welt, wie sie wäre, wenn es keinen Menschen mehr gäbe, aber ein Subjekt, das diese menschenleere Welt beobachten kann. Die eigene Beerdigung, der man selbst beiwohnt. Die Apokalypse, die man im Restaurant am Ende des Universums genießt – ein spätbürgerlicher Selbstüberschreitungsversuch.
Der Tod der Utopien hat uns den Tatsachenmenschen in die Hände gespielt. So meldet sich der Philosoph Oskar Negt mit einem aufklärerischen Bekenntnis zu Wort. Auf Spiegel online betont er die Wichtigkeit des fortwährenden Lernens von Demokratie und hat große Resonanz im Netz. Aber was kann Aufklärung noch ausrichten, wenn sie nicht handeln darf?
Oskar Negt, deutscher Sozialphilosoph, führender Denker der Kritischen Theorie und einige Zeit auch Berater von Kanzlerkandidat Schröder; Foto von www.litera-hannover.de
Habe mir ein uraltes Buch geladen: die Essais von Montaigne – Versuche eines Einzelnen, über sich und seine Zeit nachzudenken. Ich bin über die Seltsamkeit dieser Ausführungen verwundert, aber tief beeindruckt. »Mit anderen zu reden, haben sie gelernt, mit sich selber, nicht. Doch nicht zu reden gilt es, sondern das Steuer zu führen.« Ich werde mit niemandem über diese Gedanken reden können. Denn es gibt keine Schiene, auf der sie in ein öffentliches Bewusstsein einfahren könnten.
Themen und Diskussionen werden heute, wie wohl auch schon zu früheren Zeiten, von Schwärmen getragen – breite Zusammenschlüsse über die Kommunikationskanäle, kreisende Erregungen. Man fügt sich ein und wird von einer Umgebungslogik erfasst, bei der man mitschwimmt, als handele man nach einer inneren Eingebung. Alles wird getragen, aber nicht erblickt, wie es Montaigne von seinem Turmzimmer aus wohl getan hat.
Am 8. Juli 2010 wäre Ernst Bloch, der Denker des Noch-nicht und der konkreten Utopie, 125 Jahre alt geworden. Anlässlich des Jubiläums wird an den ein wenig in Vergessenheit geratenen Ketzer erinnert: ein Interview, zwei Bände ausgewählter Schriften, eine Bildmonografie, ein Zukunftssymposium und ein Wörterbuch.
Während die Welt nach Südafrika schaut und großzügig über die Bannmeilen und Geschäftemachereien der Fifa hinwegsieht, sickert das Sparpaket der schwarz-gelben Koalition langsam in die Duldsamkeit der Deutschen. Als Gegengewicht wurde auf der Hyperbaustelle der französische Philosoph Alain Badiou vorgestellt, der sich von einer Passion, Erkenntnisse in die Realität umzusetzen, leiten lässt. Eine antikommerzielle Einstellung beseelt auch den Jazzmusiker Steve Coleman, der seine Alben kostenlos zum Download anbietet.
In Deutschland kommt der französische Philosoph Alain Badiou, wie seiner Zeit der Dekonstruktivismus, verspätet zur Wirkung. Er geht frei mit Denktraditionen um, hält am Projekt des neuen Menschen fest und erkennt das Politische als etwas, das in der Politik nicht mehr vertreten ist. Für ihn ist Kommunikation ohne progressive Leidenschaft und Zug zur Handlung ein Instrument für die Zementierung von Missständen.
Wie geschieht und was leistet utopisches Denken? »Antizipierte Realität« – den Vortrag des Philosophen Ernst Bloch gibt es als Podcast auf DRadio Wissen. Sollte man sich nicht entgehen lassen.