nov, 8. Februar 2112Wir sind alle Politiker, Bauern, Elektroniker, Handwerker und Künstler in Personalunion. Jeder Mensch lebt alle diese Bestandteile, nicht als Monade, sondern im sozialen Netzwerk. Das ist vielleicht die kulturelle Leistung seit dem Wiederaufbau. Die mystische vom alten Marx aufgestellte Formel, dass aus der Trennung von Hand- und Kopfarbeit nur falsches Bewusstsein entstehen könne, ist damit aufgehoben. Niemand muss unentwegt kreativ sein, nichts als Hausarbeit verrichten, permanent Leute überzeugen und gewinnen oder Pflanzen züchten und ernten. Nein, wir existieren in einem ausgewogenen Gleichgewicht zwischen allen diesen Tätigkeiten. Wir denken auf der Basis unserer körperlichen Gegegebenheiten. Jeder Gedanke und jedes Gesetz atmet die Erfahrung täglicher Arbeit. Und die von uns gemalten Bilder geben uns die Kontur, die wir zum Überleben brauchen. Aber auch heute gibt es Sklaven: Maschinen, die wir aus Humanitätsgründen nicht mit Intelligenz und Empfindungen ausgestattet haben. |
To be continued …
nov, 30. Dezember 2111Was wird aus meinen Daten, wenn ich einmal nicht mehr bin? Eine Frage, die sich mir am Ende jedes Jahres stellt. Wie oft haben meine digitalen Habseligkeiten schon die Festplatten und Wolken gewechselt, und immer noch stehen sie mir zur Verfügung. Natürlich nur insofern ich mich an etwas mehr oder weniger Bestimmtes erinnern kann, und mir ein Suchwort einfällt, es zu bergen. Was haben die virtuellen Selbsterweiterungen aus mir gemacht? Einen Such- und Sicherungsimpuls? Einen Kontrollwunsch, der sich mittels elektronischer Prothesen durch sein digitales Reich bewegt? Werde ich in diesen Daten weiterleben? Sind sie – ähnlich wie in der Ergebnisliste einer großen Suchmaschine – eine Spiegelung, die es noch gibt, auch wenn das Originaldokument bereits gelöscht wurde? Und was heißt Löschen in einer Zeit, in der aus DNA oder Speicherzelle doch alles wieder restauriert werden kann? |
To be continued …

Sophie Schäfer schwebt durch Höllenberg; Aufstand der Jungen, ZDF
nov, 9. November 2110Eine Sprache wie ein Akkord, ein Vielklang an Informationen, gesättigt mit dem, was war und werden werden wird und demnach ist. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nicht geschieden in der neuen Art des Denkens, das wir mit elektronischer Unterstützung lernen. Eine Frage des Speicherns, weiter nichts, und dann die Explosion von Möglichkeiten: Je polyvalenter das Gehirn, desto weniger spielen Zeit und Raum in ihrer linearen Form eine Rolle. Wir müssen unsere Körper nicht mittels Maschinen durch Raum oder Zeit karren. Wir sind die Maschine selbst und bislang nur durch Vorurteile an eine physische Existenz gekettet. Das kollektive Gedächtnis fließt in uns. Der Raum krümmt sich, wenn wir die Informationen umverteilen. Wir bewegen uns ohne Zeitverlust in viele Richtungen. Wir sind in mehreren Lebensaltern gleichzeitig präsent, entdecken als Vertreter der Renaissance die Natur und träumen uns als Romantiker in die Weltseele. |
To be continued …

Bekanntlich bleibt keiner übrig bei der Geschichte - ist das gelungene Integration?

Der Philosoph Ernst Bloch; Foto: urb

Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. (Walter Benjamin; Bild: Klee, Angelus Novus)
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