Hyperbaustelle

Toy-Story

In der Erinnerung sind unsere kindlichen Spielwelten utopische Landstriche, in denen Wünsche Gestalt annahmen. Aber Spielzeug ist Erziehungswerkzeug, Vehikel pädagogischer Indoktrination. Das ist mir seit unserem heutigen Besuch im Spielzeugmuseum überdeutlich geworden.

Flexible kleine und überall instrumentalisierbare Männchen - was will uns dieses Spielzeug wohl sagen?

Flexible, kleine und überall instrumentalisierbare Männchen - was will uns dieses Spielzeug wohl sagen?

Warum ist alles hinter Glas? Und warum kann ich damit nicht spielen? Das Museum konfrontiert Kinder mit vielem, das gänzlich außerhalb ihres Verständnisses der Welt liegt. Aber genau das lässt auch Einsichten zu, die sich aus der Herausgehobenheit der Exponate aus Geschichte und Alltag ergeben. Kinderspielzeug in Reihe über drei Jahrhunderte hinweg zu sehen, prügelt das Aha quasi aus einem heraus.

Zinnsoldaten, Waffen, Ritter, Monster-Warrior für die Jungen, Kaufläden, Puppen und Puppenküchen für die Mädchen – klare Rollenbilder, Kampf und Idylle bereits im Kinderzimmer ausgebreitet und leicht ins Leben verlängerbar. Auch kommt das Mädchen am Herd und der Bub als Ingenieur vor Dampfmaschine, Märklin-Baukasten und Fischertechnik ins Bild. Lego wird zur privaten Ideologie des Wiederaufbaus. Mit Matchbox-Autos und Barbiekleidern werden im Konsum-Zeitalter Modelle für künftige Bedarfe geschaffen. Schließlich die Billigspielmüllflut der Jetztzeit, die verrät, dass die pädagogischen Konzepte den preisgünstigen Produktionsbedigungen gewichen sind.

In den 70ern traten sie ihren Siegszug an und retteten ein Unternehmen vor der Pleite: Die kleinen Plastikmännchen, die so rasch in andere Outfits und Umgebungen schlüpfen und so homogene Reihen bilden können, üben seit ihrer Entstehung eine Faszination auf Kinder aus, die nicht mehr erlöschen wollte. Die Überpoppel lassen sich zu jedem Spiel einsetzen, prima befehligen und werden nur mit goldenem Helm besonders. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Dienstbereitschaft wurden sie schon so oft Teil von Kinderspielen, die eigene Weltentwürfe in sich tragen.

Dasselbe dachte ich mir im Museum angesichts der liebevoll miniaturisierten Landschaften, Städte und Eisenbahnarreale: Sie versuchen zwar ein genaues Abbild der Wirklichkeit zu sein, aber in ihrem Maßstab sind sie ein wenig mehr verfügbar, nach eigenen Gesetzen zu formen und formieren, was nicht gleichbedeutend mit Allmachtsfantasie sein muss. Sondern mit dem berechtigten Anspruch, im Material auch selbst eine Rolle zu spielen.

Dieser Beitrag wurde am Montag, 15. Februar 2010 um 13:41 Uhr von urb veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Erlebnis abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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2 Kommentare »

  1. Die Spielzeugmüllflut ist so groß geworden, dass seit den 90er Jahren verschiedene Kindergärten komplett alles Spielzeug entsorgt haben. Scheint prinzipiell kein schlechtes Konzept zu sein! Paul

    Kommentar: paul – 17. Februar 2010 @ 15:01

  2. [...] Potenz enthalten, anlässlich eines Besuchs im Spielzeugmuseum hielt ich meine Eindrücke in Toy Story fest: Spielzeug will immer schon auf gesellschaftliche Rollen einstimmen, die Frage ist, ob es die [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Februar-Kehraus | Utopie-Blog – 28. Februar 2010 @ 17:23

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