Hyperbaustelle

Erneut im Mai

Im Mittelpunkt des Baustellenmais stand neben der Landtagswahl in NRW das Buch des Visionärs Jeremy Rifkin über die Möglichkeit einer empathischen Zivilisation, dessen Lektüre ich wärmstens empfehle. Warum Netzkultur zerstreuend, inzestuös und utopisch zugleich ist, hat mich auch im vergangenen Fliedermonat beschäftigt, ebenso die Poesie der Statistik und die moralische Anstalt des Kabaretts, diesmal am Beispiel Hagen Rethers. Nov fürchtete die entfesselten Riesen der nicht regenerativen Energiegewinnung und die postchristliche Exkommunikation.

Flieder

Foto: Nina

In seinem Buch »Die empathische Zivilisation« tritt Jeremy Rifkin den Beweis an, dass wir – ausgestattet mit Spiegelneuronen – für ein weltumspannenendes Miteinander gerüstet sind, wenn wir die Kultur dafür entsprechend an unsere Nachkommen weitergeben. Empathie ist ein Grundbedürfnis, ein sozialer Instinkt – genau das, »was Kinder wirklich wollen«. Jedem sollte nach Rifkins Interpretation der Objektbeziehungstheorie klar sein, dass der gute Dr. Freud rein gar nichts von Frauen und Kindern verstanden, sondern mehr in den Vorstellungen der bürgerlich-nihilistischen Literatur gelebt hat. Die Formen frühkindlicher Sexualität, von denen er so besessen war, werden als Ersatzhandlungen und Mangelerscheinungen von Kindern entlarvt, die sich nicht angenommen fühlen. Der Mensch als aggressives, von seiner Libido getriebenes Ungeheuer ist demnach das Resultat falscher Erziehungsstrategien und einer zum Teil auf diesen beruhenden Theoriebildung. Schluss also mit den Märchen über kindliche Tyrannen, Libido gesteuerten Ungeheuern und einem darwinistischen Darwin.

Die Spiegelneuronen in der Inselrinde unseres Gehirns bestätigen die Empathie- und Mitleidsthese biophysisch. »Unser Gehirn ist auf Empathie geschaltet«, schreibt Rifkin,die Entdeckung eines Systems von Spiegelneuronen legt die Vermutung nahe, dass »die Spaltung von Biologie und Kultur ein Irrweg ist«. Wir nehmen durch diese Neuronen Kultur auf direktem Wege auf, oder wie es die Psychologin Patricia Greenfield ausdrückt: »Heute sehen wir, dass jede Generation durch sozialen Austausch, Imitation und Beobachtung ihr Wissen an die nächste weitergibt.« Und an dieser Stelle liegt eine große Verantwortung, denn Erziehung kann auch den Keim des Faschismus in uns setzen. Michael Haneke hat das eindrucksvoll in seinem preisgekrönten Film »Das weiße Band« gezeigt. In diesem Zusammenhang sei außerdem auf die Beiträge zu Erziehung und Neurowissenschaft auf der Hyperbaustelle hingewiesen.

O weh SPD NRW

Politisches Thema im Mai waren natürlich die Wahlen in Nordrhein-Westfalen. Und eigentlich schien klar zu sein, die Wähler wollen eine Rot-Grüne-Koalition, die durch einen roten, linken Ausleger ergänzt wird. Die drei Parteien sind – zwar mit unterschiedlichen Gewichtungen – aus einem Holz geschnitzt und sollten die Regierung von NRW nicht bräsig-konservativen und korrupten Verwaltern überlassen. Warum, frage ich mich allerdings, muss die Haltung der Linken zur DDR gerade dann auf den Prüfstand, wenn es darum geht, einen Politikwechsel herbeizuführen und Zukunft zu gestalten?

Christian Söder hat im Blog Rot steht uns gut die von den Grünen vorgelegte Erklärung zitiert, die die Linken als Grundbedingung von Koalitionsverhandlungen unterschreiben sollten. Ob es gelingt, eine demokratische Kultur von morgen zu gestalten, wenn die Muster der Aufarbeitung einer DDR-Alltagsdiktatur erweitert werden, halte ich zumindest für zweifelhaft. Niemand stellt demgegenüber in Zweifel, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Aber eine solche Erklärung unterschreiben zu lassen, kommt einer Geste der Unterstellung, Demütigung und Drohung gleich und eröffnet nicht gerade die Perspektive einer gemeinsamen künftigen Zusammenarbeit. Eine Unterschrift würde praktisch ein Schuldeingeständnis bedeuten.

Daher muss man zugeben, dass die Linke mit einer einleuchtenden Argumentation kontert. So schreibt die Landeskoordinatorin der Landesgruppe NRW, Fraktion DIE LINKE, Anna Conrads in ihrem Blog:

Die Fraktion DIE LINKE will eine vollständige Transparenz des Landtages und wird deshalb nach der Konstituierung des Parlamentes einen Antrag einbringen, wonach mögliche Verbindungen von Abgeordneten nicht nur zur Staatssicherheit der DDR, sondern zu allen Geheimdiensten untersucht werden. Die Fraktion wird außerdem eine historische Kommission beantragen, die die Verstrickungen ehemaliger Landtagsabgeordneter in die Organisationen Nazideutschlands untersucht.

Netzkultur?

Netzkultur ist ein vielschichtiger Begriff: Es gibt sie als bloße Reproduktion, Kompilierung, Selbstdarstellung, Aktivismus und als neue Art zu denken. Das Angebot im Netz ist quantitativ kaum zu überschauen, strukturell allerdings nicht schwer zu begreifen. Allerdings verdrängt der sich reproduzierende Mainstream die originellen Konzepte weitgehend.

Um einen Überblick zu bekommen, hilft der Newsaggregator Rivva, aber noch nicht ganz im Sinne seines Erfinders Frank Westphal, der deshalb eine Frank-Schirrmacher-Maschine bauen will. Paul wollte in seinem Kommentar auf der Hyperbaustelle wissen, wie eine solche denn genau ausschaut. Na, sie unterstützt Frank Schirrmacher – dessen Buch Payback Peter Glaser mit der Hieroglyphe der höchsten darstellbaren Zahl vergleicht – und tut alles, was dieser nicht selbst kann: überblicken, vorsondieren, auswählen und vor allem selektieren. Ich zitiere das Interview, das Wolfgang Michal für MAGDA und carta führte:

Frank Westphal denkt an eine „lernende Zeitung, eine Frank-Schirrmacher-Maschine, die umso besser wird, je länger man sie benutzt.“ Das heißt, er will – wie schon bisher – „die Info-Ströme für die wachsende Zahl der Alpha-Geeks bündeln“. Doch darüber hinaus möchte er die Programmierung der Auswahlmechanismen wieder stärker in die eigene Hand nehmen, also die klassischen Aufgaben eines Redakteurs wahrnehmen. Diesen Hybridansatz – Maschinenintelligenz unter redaktioneller Betreuung – findet er zukunftsweisend. Die New York Times geht mit ihrer Blogrunner-Akquisition diesen Weg. „Doch in Deutschland“, sagt Westphal, „sehe ich keine Partner dafür, und mir selbst fehlt leider das nötige Kleingeld.“

Katharsis – Rilke und Rether

Ein Auftritt Hagen Rethers hat etwas Kathartisches. Seine Pointen reinigen bei Denkverschmutzung, er währenddessen sein Klavier. Die geistige Hygiene beschrieb Hanno Sepp in seinem Kommentar so: »Er führt uns fast schon sanft an unseren Nasenringen an die Diskurse heran, die wir als doch so aufgeklärte Menschlein eigentlich längst und andauernd hätten führen müssen.« Schließt dann resigniert: »Am Ende verlassen wir von der Katharsis beseelt den Saal in eine Welt, die sich trotzdem nicht verändert hat.« Aber wir sind vielleicht aufmerksamer in unserem Denken und Handeln und achten darauf, dass wir wenigstens nicht massiv dazu beitragen, die Weltordnung zu zementieren.

Der Versuch, die Vibrations oder den Geist aktueller statistischer Meldungen aufzunehmen, mündete in Exilpoesie: Ab in die Schweiz? Poetische Pfingststatistik trägt einem starken Sicherheitsbedürfnis Rechnung, das angesichts der Euroflaute mehr als verständlich ist. Inwieweit die Schweiz im europäischem Torkeln standhaft bleiben kann, sollen Fachleute beurteilen. Paul grüßte wegen der Verse, die überall herumliegen, den Rilke des Statistischen Bundesamts, eine dem Neuromatiker ebenbürtige Metapher in der Art seiner »Geometrie des Herzens«, wie ich finde.

2110 – Was ist ein Gewinn für die Zukunft?

Die Tagebucheinträge aus dem Jahr 2110 entstanden vor dem Hintergrund der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Es geht um Energieformen, die uns wie lehrlingshaft herbeigerufene Geister noch die nächsten Jahrhunderte verübeln werden; um eine immer synthetischere Filmkunst, die eine immer größere Sehnsucht nach Natur entwickelt; um den neuen Wortsinn der Exkommunikation als Kommunikationsmittelentzug und die Form der elektronischen Beichte; und um den Unsinn einer Vernutzung des Menschen nach der Logik der Kapitalmärkte. Was wie ein gruseliges Märchen über Gewinnsucht klingt, hat vali in einem Kommentar weitergesponnen: »Von den Zockern finden wir noch wenige in Hinterzimmern geschlossener Anstalten. Sie spielen dort energisch ihr Spiel mit dem virtuellen Geld von damals. Sie gewinnen immer. Einmal die Woche kommt ein Therapeut, der ihnen klarzumachen versucht, was ein Gewinn ist. Er gewinnt nie.«

Give the Orang Utan a break!

Eine kleine Randnotiz: Über Utopia.de wurde ich dank Renovable auf einen Greenpeace-Erfolg für den Schutz der Regenwälder aufmerksam: Nestlé  hat sich am 17. Mai 2010 verpflichtet, zukünftig kein Palmöl aus Urwaldzerstörung mehr bei seinen Lieferanten zu dulden. Rund eine Viertelmillion Menschen haben die Kampagne seit Mitte März unterstützt und gefordert: Nestlé, give the Orang Utan a break! Der Artikel im Greenpeace-Magazin und der Beitrag im Greenpeace-Blog.

Die vorherigen Monate im Überblick

Dieser Beitrag wurde am Montag, 31. Mai 2010 um 10:38 Uhr von urb veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Über das Blog abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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3 Kommentare »

  1. Danke für die Erklärung der Frank-Schirrmacher-Maschine. Es wäre schön, wenn sich die Herren Schirrmacher und Westphal hier auch mal äußern würden. Wäre spannend! Gruß Paul

    Comment: paul – 04. Juni 2010 @ 21:46

  2. Habe außerdem inzwischen schon ein wenig bei Rifkin gelesen: Weil ich oben gerade den Satz von Hanno Sepp lese: dass die aufgeklärten Menschlein wissen, dass sie schon lange bestimmte Diskurse hätten führen sollen – ich denke, aufgeklärt sein allein genügt nicht: Empathie und Zorn sind hier vielleicht bessere Impulsgeber, damit man Dinge nicht nur denkt, sondern auch ausspricht und tut! Gruß Paul

    Comment: paul – 04. Juni 2010 @ 21:52

  3. [...] Erneut im Mai [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Herbstlicher Hypertext | Utopie-Blog – 05. Dezember 2010 @ 12:27

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