nov, 30. Dezember 2111Was wird aus meinen Daten, wenn ich einmal nicht mehr bin? Eine Frage, die sich mir am Ende jedes Jahres stellt. Wie oft haben meine digitalen Habseligkeiten schon die Festplatten und Wolken gewechselt, und immer noch stehen sie mir zur Verfügung. Natürlich nur insofern ich mich an etwas mehr oder weniger Bestimmtes erinnern kann, und mir ein Suchwort einfällt, es zu bergen. Was haben die virtuellen Selbsterweiterungen aus mir gemacht? Einen Such- und Sicherungsimpuls? Einen Kontrollwunsch, der sich mittels elektronischer Prothesen durch sein digitales Reich bewegt? Werde ich in diesen Daten weiterleben? Sind sie – ähnlich wie in der Ergebnisliste einer großen Suchmaschine – eine Spiegelung, die es noch gibt, auch wenn das Originaldokument bereits gelöscht wurde? Und was heißt Löschen in einer Zeit, in der aus DNA oder Speicherzelle doch alles wieder restauriert werden kann? |
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nov, 9. November 2111Alle dachten damals, dass nach Griechenland Spanien und Italien aus der Eurozone ausscheiden würden. Nein, Großbritannien war es, ein vollkommen marodes Staatsgefüge, das trotz aller Ausbeutung nicht mehr aufrecht zu erhalten war. Die Briten versuchten zwar noch lange die Schuld an Frankreich und Deutschland weiterzugeben. Aber sie wurden vom Zusammenbruch der Londoner Börse überrascht. Wie nur konnten sie ein Haushaltsdefizit von über zehn Prozent so lange verbergen? Wie komme ich gerade drauf? Am 11.11. vor 100 Jahren fing nicht nur der Karneval an, sondern auch der Ausstieg aus der Geldwirtschaft, der dem deutschen Beschluss zum Ausstieg aus der Atomwirtschaft auf den Fuß folgte, aber sich wie dieser noch 50 Jahre hinzog und so manchen Billionen-Schein als Ofenanzünder wirksam werden ließ. Und die Ersparnisse und Lebensversicherungen der Leute? Irgendwo irrlichtern sie in den internationalen Glasfaser-Backbones hin und her, Schätze, die wohl nie mehr zu heben oder so unberechenbar wie ein neuer deus absconditus sind. |
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nov, 29. Mai 2111Gerade bin ich aus der Plasmadusche gestiegen. Mich plagten Infektionen der Atemwege und eine Verletzung, die ich mir bei einer Reparatur der Kloake zugezogen hatte. Ein Aufenthalt im vierten Aggregatzustand der Materie ist heilsam. In diesem können wir Zusammensetzung und Reaktionsweise der Teilchen besser organisieren als in Luft oder Wasser. Die Elektronen und Radikale sorgen für eine nachhaltige Abtötung schädlicher Bakterien und Viren, mit Duftmolekülen geben wir uns einen guten Geruch, und manche behaupten, die Haut würde unter der Plasmadusche mehr Widerstandfähigkeit gegen die Sonnenstrahlen gewinnen. Im Plasmazustand gibt es nichts, wie es ansonsten unter Bedingungen unseres Planeten vorkommt. Die Zusammensetzung der Teilchen ist virtuell. Ihre Wirkung auf den menschlichen Körper ist zu messen, also nicht nur im Sinne positiver Gedanken zu verstehen. Aber fast möchte man sagen, im Plasma findet der Mensch einen ihm angemessenen Regenerationsraum, eine zweite Natur, die ihn vollkommen angenommen hat. |
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nov, 31. März 2111Meine Energiebank steht in einem gesicherten Kellerraum und hat ein gutes Füllvolumen. Ich bin immer sparsam gewesen und gewinne durch regelmäßige Einspeisungen immer weiter dazu. So habe ich durch meinen neu entwickelten Sozio-Umspann-Relais ein schönes Kontingent als Prämie dazugeladen bekommen. Den Rest besorgen meine Ultra-Solarzellen rund ums Haus. Unglaublich wie die Energiespeicherbanken die Welt verändert haben. Früher kackten die Akkus dauernd ab, erzählte mir mein Vaterholo. Aber diese neuen Speicher halten über Generationen. Nach dem Tod eines Menschen werden sie aber wieder ins zentrale Spannwerk zurückgeschaltet. Bei der Geburt erhält jeder seine Energiebank, die ihm sein Leben lang den Weg frei macht. Da heißt es wirtschaften und überlegen, wie man sie gefüllt behält – ein dauernder Kreativitätsanreiz. Es soll im zentralen Spannwerk noch Energiefelder geben, die durch Kohlekraftwerke eingespeist wurden. Aber Strom hat heutzutage keine Farbe mehr. |
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nov, 21. Februar 2111Gloria ist in die Stadt gezogen. Sicher, wir werden uns besuchen, aber doch sehr viel seltener sehen. Und die vielen Kontakte, die sie in der Wasserlilie neu knüpfen wird, werden sie stark in Beschlag nehmen. Macht mich das eifersüchtig? Auf was sollte ich eifersüchtig sein? Auf elektronische Signale? Die uns so schön gleich machen und die emotionalen Spitzen cutten. Wenn wir hier auf dem schwindenden Land eines gelernt haben: Etwas fehlt beim Kontakt über die elektronischen Kommunikationsmittel, so echt sie auch 3D-Bilder in den Raum zaubern mögen. Dieses Defizit stört mich bei den meisten meiner Kontakte nicht, von denen ich notwendig froh bin durch ein virtuelles Gitter getrennt zu sein. Bei Gloria schon. Nun wird sie sich also auch in diesem Zeichenschwarm auflösen, der unser Miteinander dominiert; in Schrift, Bild, Ton und Hologramm; in einen Avatar, der Freunde, Diskussionen und Meetings hat, der bei aller Präsenz ständig außer Reichweite ist. |
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nov, 9. Februar 2111Heute wäre ein großer Ketzer des 20. Jahrhunderts 180 geworden. Er hatte das damalige Österreich als die Eiterbeule Europas bezeichnet, das ihn nach seinem Tod feierte und appetitlich als Tourismus-Sensation herrichtete. Tote beißen eben nicht mehr und übergeben sich nicht mehr verbal bei jedem erdenklichen Anlass. Aber Thomas Bernhard war ein Kotzbrocken aus Überzeugung, weswegen man ihm, mehr noch als durch die von ihm beschriebenen Preisverleihungen, durch seine posthume Ver(k)ehrung auf den Kopf gemacht hat. Heute ist der damalige Skandalautor in allen gängigen Schulmedien zu finden. Er wird als Beispiel herangezogen, wie schlimm es in unserer Geschichte zuging, mit welchen faschistoiden Redensarten man sich gesellschaftlichen Zwängen widersetzen musste. Wie überschwenglich und relativierend mit dem Tod umgegangen werden musste, um als Individuum bestehen zu können. |
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nov, 31. Januar 2111Eine fantastische Aussicht von dieser Bergkette, hinunter auf die Anlagen im Tal, wohlgemerkt keine Siedlungen. Wer würde schon gerne unterhalb eines Müllgebirges wohnen. Dem Berg, auf dem ich stehe, merkt man das aber nicht an. Da haben die Landschaftsdesigner ganze Arbeit geleistet. So weit das Auge reicht, erstreckt sich das prächtigste Erholungsgebiet. Gut, die Warnungen sind nicht zu überlesen: Kein Wasser trinken, und nichts essen, was an den Bäumen wächst. Aber diese Vorsicht ist uns eingepflanzt: Denn das Spektrum an Farben, Formen und Größen der Früchte ist unübersichtlich geworden. Die Erdgeschichte hat einige Gebirge aufgefaltet, weiter südlich die Aufsehen erregenden Alpen, die durch Errosion allerdings weitgehend verödet sind. Der Mensch hat in den vergangenen 100 Jahren die geologische Arbeit fortgesetzt. Seine pflanzenbedeckten Umweltsünden würden jeden Vergleich mit den alten Falten unserer Erde gewinnen. |
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nov, 19. Januar 2111Schrumpfen – eine glücklich machende Vorstellung, fast gleichbedeutend mit Gesundwerden. Leben in einer zwar domestizierten, aber im Überfluss vorhandenen Natur, in der sich Menschen begegnen und nicht gegenseitig auf die Füße treten. Das haben wir doch erreicht, sagte ich zu Gloria. Gut, winkte Gloria ab, wenn die Wirtschaft wachsen will, dann schrumpft die Bevölkerung. Kaufmannsdasein schwächt unseren Fortpflanzungstrieb, abgesehen davon, dass keiner mehr Zeit hatte, sich um Kinder zu kümmern. Das übernahmen ja dann die Robots, erwiderte ich. Trotzdem wurden die Geburtenraten in Europa immer niedriger. Und die Wirtschaft beschwerte sich über zu wenig Humankapital. Was waren die Gründe? Unfruchtbarkeit oder Dekadenz? Vernunft oder Individualismus? Egal, es gibt eine natürliche Balance, wieviel Mensch die Erde verträgt. Die wurde wiederhergestellt, ohne dass Maßnahmen eingeleitet wurden. Logisch, sagte Gloria, Maßnahmen sind ja auch nur Schlachten im Krieg der Kleinkrämerisierung. |
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nov, 14. Januar 2111Ein Wunschtraum des Menschen ist es, Abfall zu hundert Prozent und am besten unendlich wiederzuverwerten. Oder weniger Energie in etwas zu stecken, als man dann anschließend wieder herausholen kann. Etwas, das anfällt oder abfällt, unter die Energiedusche zu stecken und nutzbar zu machen oder zumindest den Anschein von Nutzen zu erwecken. Scheinbar auch ein Grundgedanke des Fooddesigns: Da liegen Furnierabfälle herum, und ein paar Aromastoffe sind zu sonst nichts zu gebrauchen. Also machen wir doch einfach ein Früchtejoghurt draus. Fette sind sich chemisch so ähnlich, egal, ob sie natürlich vorhanden oder technisch hergestellt sind. Da sythetisieren wir doch einfach Futtermittel oder legen Oliven aus gepressten Sägespänen ein. Was haben wir gewonnen, wenn wir toten Gegenständen das Design des Neugewachsenen verpassen? Kann Hunger so gestillt werden? Ich ziehe es vor, Tabletten zu essen und mir schöngestylte Äpfel und Flugmangos aus Plastik in die Schale zu legen. Mir Kochshows dazu anzusehen und mich am Anblick echter Lebensmittel zu erfreuen. |
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nov, 5. Januar 2111Was wird die Zukunft bringen? Eine Frage, die der Jahreswechsel seit Jahrtausenden in uns auslöst. Wenn die Computer Zahlen umstellen und die Nacht am tiefsten ist, brennen wir ein Neuronen-Feuerwerk in unseren Köpfen ab. Eigenartig, weil doch die Zukunft das ganze Jahr über auf dem Spiel steht. Früher nannte man den letzten Tag des Jahres Silvester und praktizierte die seltsamsten Bräuche: Blei gießen, Briefkästen mit Böllern sprengen, Linsensuppe essen, sich auf die Rücken schlagen oder rote Unterwäsche tragen. Aber dieses historische Fundstück legt Zeugnis über den bei weitem seltsamsten Brauch ab: »Es entschwindet das alte Jahr. / Die Kinder und der Karpfen sind gar. / Es wird gespeist.// Und wenn die Kannibalen dann satt sind,/ Besoffen und überfressen, ganz matt sind,/ Dann denken sie der geschlachteten Kleinen/ Mit Wehmut und fangen dann an zu weinen.« Tja, Menschenfresser waren eben auch nur Menschen. |
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nov, 4. Dezember 2110Hatte heute eine längere Unterredung mit meinem Vater. Als seine Visionen von der Zukunft immer düsterer wurden, musste ich ihn leider abschalten. Seine Holografie sackte wieder in die Festplatte zurück, auf die seine Gedächtnisinhalte nach seinem Tod heruntergeladen wurden. Eine KI-Technologie, die sich schon Marvin Minsky im 20. Jahrhundert vorgestellt hatte. Mein Minskymat beinhaltet meine Eltern und Großeltern, mit denen ich mich unterhalten kann, wann immer ich möchte. Und ich stelle fest, dass sie auch auf der Festplatte einer Entwicklung unterliegen. Die Hologramme, die sie aussenden, verändern sich. Nicht dass sie älter würden. Mein Vater legt immer mehr Wert auf dunkle Augenhöhlen und ausgemergelte Züge. Während meine Großmutter von Session zu Session jugendlicher wird. Die Gespräche mit ihr sind geradezu paradiesisch. Sie ist davon überzeugt, dass ein goldenes Zeitalter angebrochen ist, seit die Welt die Atomkraft endgültig verabschiedet hatte. |
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nov, 20. November 2110Gloria sagte heute zu mir, sie sei nach der Entlobbyfizierung regelrecht aufgeblüht. Als damals einem letzten Vertreter einer hartnäckigen politischen Partei in einem basisdemokratischen Übungscamp die Machtflausen ausgetrieben worden waren und sie wusste, dass von nun an jede Abstimmung über das Terminal eine Konsequenz haben würde, da hätte sie eigentlich erst zu leben begonnen. Auch war sie von Anfang an von der Idee begeistert, dass Cypols, diese braven Politroboter, über die Auswertung der Abstimmungen wachen und ihre Umsetzung garantieren. Zu wissen, dass kein Betrug mehr möglich sei, mache es ihr leicht, sich der Mehrheit zu beugen, falls diese anders als sie selbst denke. Endlich seien diese politischen Relikte, vom Gottesurteil über die Parteien bis hin zum Personenkult, vom Tisch. »Es soll Leute geben, die die Abstimmungen und Cypols hacken und manipulieren«, bemerkte ich. Ein Miesmacher sei ich, meinte sie, überhaupt triebe ich mich zerebral zu viel in der Vergangenheit herum. |
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