Hyperbaustelle

Der kritische November

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Der November stand eher im Zeichen der Kritik, in der sich Utopie quasi ex negativo zeigt. Das Positive daran? Dass es diese Formen der Kritik – wie die Raul Zeliks – überhaupt gibt, ob sie nun artistisch oder faktengestählt ausfallen. Und wenn Kritik auch in Handlungen mündet, wie derzeit bei den Bildungsstreiks an unseren Hochschulen, gibt das genügend Anlass zur Hoffnung.

Utopie ist notwendig, weil einer Milliarde Menschen selbst Nahrung und Trinkwasser fehlen.

Utopie ist notwendig, weil einer Milliarde Menschen selbst Nahrung und Trinkwasser fehlen.

Es ist das Problem einer jeden kritischen Theorie, dass sie Gegenentwürfe bestenfalls andeuten kann. Wenn sich Kritik allerdings an den kritisierten Zuständen festbeißt, kann dies im schlimmsten Fall zu einer Zementierung bestehender Verhältnisse führen. Deshalb ist es Programm auf der Hyperbaustelle, einen exzentrischen Weg zu suchen, um Ideen Raum zu lassen, sich zu entwickeln. Dass es vom Wünschen zur gesellschaftlichen Transformation ein sehr weiter Weg ist und dass sich dieser sicher anders gestalten wird, als man es sich auszumalen vermag, ist mir dabei zutiefst bewusst.

Im Grunde ist jeder Kritiker in einem Paradox befangen, das Karl Marx genau beschrieben hat und das Folge der Trennung von Kopf- und Handarbeit ist. Er kann immer nur falsches Bewusstsein hervorbringen, weil sich das richtige nur im Rahmen der gesellschaftlichen Praxis entwickeln kann, die die Trennung von Kopf- und Handarbeit wieder aufhebt. Ansonsten sind selbst die kritischen Ansätze der Intellektuellen Spekulationen eines abgespaltenen und entfremdeten Überbaus, so genau sie sich auch an den herrschenden Verhältnissen abarbeiten mögen.

Utopie auf der Hyperbaustelle

Ganz im Mittelpunkt stand im November das Gespräch mit Raul Zelik über Utopie. Mit Hilfe der Argumente Zeliks konnte klargestellt werden, dass Utopie keine bloße Spinnerei, sondern absolut notwendig ist, »weil der „Ort“, an dem wir leben, die gesellschaftliche Realität, in der wir uns befinden, unvernünftig, dumm, unerträglich ist«. Und weil unter dieser unvernünftigen Wirtschaftsweise des vorherrschenden Kapitalismus die natürlichen Ressourcen immer schneller verausgabt werden.

Utopie ist demnach …

  • konkret (sie leitet sich aus Ansätzen ab, die heute schon Realität sind)
  • ökonomisch vernünftig (sie leistet sich nicht die Verschwendung des Kapitalismus)
  • voluntaristisch (sie ist trotz gewisser Regeln freiwillig und wird nicht autoritär verordnet)
  • dialogisch (sie wird von den Menschen in gleichberechtigter Kommunikation entworfen)
  • ergebnisoffen (das Ziel des gemeinsamen Gestaltungsprozesses ist nicht von Anfang an festgelegt, sondern ist eine offene Praxis)

Es wird auf der Hyperbaustelle, über mögliche Ursachen und Alternativen diskutiert. Es wäre schön, wenn sich noch mehr Leute an der Diskussion beteiligen würden, Leserinnen und Leser sind jedenfalls herzlich dazu eingeladen.

Für mich war es von großer Bedeutung, Parallelen zwischen der romantischen Bewegung des 18. und 19. Jahrhunderts und der neuen digitalen Avantgarde festzustellen. Im Beitrag Universalpoesie – progressiv-digital versteht sich konnte ich zeigen, wie Weltveränderung von einem semiotischen Medium aus gedacht worden ist und gerade gedacht wird. Es geht in beiden Zeitaltern nicht darum, eskapistische Parallelwelten aufzubauen, sondern mit Hilfe der Poesie oder des Internets  und seiner sozialen Medien etwas anzufachen, was letztlich die reale Welt vollkommen durchdringen kann.

Dass Liedermacher Funny van Dannen und Filmemacher Michael Moore ihre Liebe zum Kapitalismus begründen, mag zwar ironisch gebrochen sein, aber dieses Gefühl steht auch für ihr mehr oder weniger unfreiwilliges Verhaftetsein in seinen Strukturen. Wobei die Praxis Funny van Dannens weit progressiver und alternativer als die des gut verdienenden Moores sein dürfte. Der Liedermacher überzieht die Position von Systembefürwortern bis ins Absurde. Der Filmemacher praktiziert die Strategien der amerikanischen Demagogen und hält dem System damit den Spiegel vor.

Georg Schramm hat den ideologischen Sinn der Volksverblödung aufgedeckt: Scharfzüngig beweist er, dass pädagogische Konzepte nur etwas für Festreden sind und Bildungsversprechen Alibis von Politikern, Medienverantwortlichen und Wirtschaftsweisen, die sonst zugeben müssten, dass sie Idioten eigentlich für viel nützlicher halten. Bildung darf also auf keinen Fall ein von oben herab verabreichtes Mittel sein, sonst hat sie nur allzu oft abführende Wirkung: Sie sollte stattdessen persönlichen und dialogischen Charakter haben, dadurch geprägt sein, dass sich jeder Einzelne auf eigenem Kurs durch das Bildungsfeld bewegt und Antworten auf die Fragen finden darf, die sich ihm stellen.

Ein neuer Autor hat auf der Hyperbaustelle zu schreiben begonnen: Er schreibt ein Tagebuch aus der Zukunft, um vorhandene Ansätze in die Zukunft weiterzuspielen und sie dann von einer noch weiter in der Zukunft liegenden Warte beurteilen zu können. In seinen bisherigen Einträgen sieht er in Technik und Hygiene eine Vorbotin der Gerechtigkeit, in der Natur eine Allianzpartnerin, die sich nicht beherrschen ließ, und in Robotern, sogenannten Cypols, eine Hoffnung auf ein neues Philosophengeschlecht.

Ganz wesentlich für einen Utopie-Blog ist es, Gewährsmänner und -frauen zu versammeln, so wie die ZEIT »50 Deutsche von gestern für die Welt von morgen« suchte. So schreibt Benedikt Erenz im Vorwort des ZEITGeschichte-Sonderhefts vom November 2009 über die Auswahl der Vorbilder: »Was an diesem Menschen, seinem Leben, seinem Werk, bewegt uns über die Bewunderung der historischen, über den Genuss der künstlerischen Leistung hinaus? Welches Wort, welche Tat, welche Charaktereigenschaft, welche Kraft, welchen Kunstgriff, welche seiner Ideen haben wir heute nötiger denn je?« In diesem Sinne gibt es auch auf der Hyperbaustelle eine kleine Umfrage zu Hoffnungsträgern, im Rahmen derer ich die Leserinnen und Leser um Vorschläge bzw. Abstimmung bitte. Momentan liegen Rosa Luxembourg, Albert Einstein, Albert Schweitzer, Paulo Coelho und die fiktive Gestalt des Star Trek-Captains Jean-Luc Picard, verkörpert durch den Shakespeare-Darsteller Patrick Stewart, gleich auf an der Spitze.

Die Domain www.hyperbaustelle.de ist endlich auf diesen Server gewechselt. Es ist also keine Umleitung mehr geschaltet, und die Permalinks können sauber angegeben werden: http://www.hyperbaustelle.de/u-blog/2009/11/29/der-kritische-November/.

Utopie im Netz

Fasziniert haben die Geschehnisse rund um die Bildungsstreiks an den Hochschulen. In einem eigenen Beitrag habe ich es mir nicht nehmen lassen, auf den Bologna-Prozess als groß angelegte Sparmaßnahme hinzuweisen. Über www.unsereunis.de vernetzen sich die Stuis bundesweit, Twitter und Facebook schäumen geradezu über. Claudia Klinger hat in ihren 7 WWMAG-Surftipps zum Wochenende 49/2009/ auf eine Analyse zu #unibrennt auf Twitter hingewiesen. Wissen belastet hat seit 23. Oktober 2009 alle Tweets auf Twitter mit den Hashtags “#unibrennt”, “#unsereuni” und “#audimax” gesammelt. Im Zeitraum von 23. Oktober bis einschließlich 21. November 2009 wurden 66.379 Tweets von 6.780 User/innen abgesetzt.

Wie ein Massenmedien Anteil nehmen kann, zeigte der Fall Robert Enke. Die utopische Dimension bestand für mich darin, dass die riesige Kondolenz-Welle das Gefühl erzeugte, dass die Menschen echt betroffen waren und spontan ihren Emotionen Ausdruck verliehen. Das hatte nichts Manieriertes oder Aufgesetztes, sondern wirkte authentisch, weil die Mehrzahl der Tweeter weder besonders klug oder witzig sein, oder wie auch immer die Aufmerksamkeit der anderen erregen wollten.

Zitate zu Utopie:

  • Jede Utopie spiegelt die existierenden Verhältnisse wider – sie entwickelt sich als Kritik an diesen hervor. (Raul Zelik)
  • Die Utopie soll gedacht werden, um innerhalb des Wirklichen den Sinn für das Mögliche zu schärfen. (Seel, 2001)
  • Die gute alte Zeit ist nichts anderes als eine rückwärts datierte Utopie. (Erich Wiesner)
  • 3 Brisen Utopie (am Vortag ansetzen)/2MS Augenblick/1EL langer Atem/Hefe. Wird am Besten in Gedankengut gerührt (MiaVraja)
  • «Theater ist Utopie, ist visionär»: Theater, das ist Furcht, Zorn, Zittern, Katharsis. Das sagt Ute Haferburg, … (Südostschweiz Medien)
  • Der Sozialismus ist keine Utopie, sondern eine Tragödie, das ist der Punkt, um den es sich heute handelt. (Wilhelm Röpke)
Dieser Beitrag wurde am Sonntag, 29. November 2009 um 15:56 Uhr von urb veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Über das Blog abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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2 Kommentare »

  1. [...] Der kritische November [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Dezember-Bilanz? | Utopie-Blog – 04. Januar 2010 @ 15:41

  2. [...] Der kritische November [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » So viel Anfang im Januar | Utopie-Blog – 02. Februar 2010 @ 20:00

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