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Keiner wäscht reiner – Hagen Rether

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Es ist eine besondere Form von Hygiene, sich von Hagen Rether den Kopf waschen zu lassen. Was die machen, alles rauskriegen und was er sich aufregt, das erfährt man von ihm einen ganzen langen Abend gut getaktet, vertont und im wahrsten Sinne des Wortes reinigend.

Wie untergrabe ich die Attitüde von Bühnenstars? Hagen Rether lässt sich dazu immer nette Subversitäten einfallen: Er ißt Joghurt, während er über Lebensmittelskandale spricht, oder putzt seinen Flügel, statt auf ihm zu spielen – eine sinnvolle Tätigkeit, und man kann ihn ja auch als Flügelpfleger mieten, sagt er. Er fragt das Publikum, was es denn gerne machen möchte den Abend lang. Aber dann gibt er doch Vollgas und haut einem ein Dreistunden-Programm vor den Bug, das einem den Kopf frei macht von dem ganzen Gesoße, das über uns viele Stunden am Tag ausgegossen wird.

Hagen Rether betont mit jeder Geste, dass er nicht zu den Spaßmachern gehören will, die der Volksverdummung in die Hände arbeiten. Stattdessen schiebt er mit leiser Stimme Ungeheuerlichkeiten en passant über den Bühnenrand. Er zeigt uns die Widersprüche auf, in denen wir es uns so angenehm eingerichtet haben: Geld in Aktien anlegen und dann über Managergehälter maulen, jaja, so ist es, auch das Kabarettpublikum gehört der Bevölkerung von Absurdistan an, über das es ansonsten so gerne lacht.

Dazu zeigt er uns die großen Bögen auf, die unser Gedächtnis nur selten mehr umspannt: Englische Wirtschaftsbosse und Politiker hatten Lafontaine seinerzeit zum gefährlichsten Mann Europas gekrönt, weil er die Verstaatlichung der Banken gefordert hatte. Satanisches Gelächter. Typische Linksdemagogenschelte. Mit Blick auf die Entwicklungen in der Bundesrepublik, so begreifen wir dank Rether, ist die Dialektik von Links und Rechts nur insofern noch vorhanden, dass sich Rechts alles erlauben kann und Links wegen der geringsten Konformitätsabweichung seinen oder ihren Hut nehmen muss. Gedenksekunde Herta Däubler-Gmelin.

Es wäre so einfach, eine Haltung zu haben, wenn man Hagen Rether öfter zuhören könnte. Er rettet uns vor den schnöden Übertreibungen. Oder warum muss man immer gleich einen religiösen Überbau beschwören, wenn es doch genügt, einfach ein bisschen freundlich zueinander zu sein. Warum muss man aus dem Buddhismus denn gleich eine Religion machen. Das Kaninchen ist nett, man tut ihm deswegen nichts, und nicht weil es Tante Gerda sein könnte. Immer diese Blähungen, sagt er und liefert ein Beispiel: Schokolade macht glücklich? Nein, sie ist lecker. Warum genügt das nicht?

Rethers Klavierspiel ist einfach gut, und er setzt es sparsam ein: Die Grönemeyer-Parodie im Hühnchenstil ist seit Jahren im Programm und wurde mittlerweile in »Wann ist die Frau eine Frau?« umgetextet. Die Stille seines sonstigen Vortrags hebt sich wohltuend von dieser Einlage ab. Entfaltungsraum für Pointen im Kopf des Zuschauers. Stets wiederkehrende Refrains: Was rege ich mich auf? Die kriegen alles raus. Der Demagoge, der Populist. Geistige Massagen aus dem Tasteninstrument geleiten die Einsichten ins Hirn.

Die obligatorische Banane fliegt am Ende ins Publikum – auch uns hat er also vom Baum gelockt – womit ein für alle Mal deutlich wird: Wer die Banane wirft, bezahlt den Eintritt jedenfalls nicht! Aber Hagen hat uns ordentlich durchgebraust. Hierfür danken wir ihm. Dass er 1 und 1 für uns zusammenzählt, was wir anscheinend nicht mehr zu Wege bringen. Er hat uns unsere Haltungslosigkeit vorgerechnet. Das ist ethische Säuberung. Und wer das jetzt falsch versteht, soll sich gleich heute noch Karten für den nächsten Rether-Auftritt kaufen.

Termine, CDs, Presse
http://www.hagen-rether.de

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Dieser Beitrag wurde am Freitag, 28. Mai 2010 um 10:30 Uhr von urb veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Politik / Gesellschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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5 Kommentare »

  1. Hagen Rether

    Seine Entrüstungen sind nicht wild und unbändig, sondern kommen oft leise, langsam mit präziser, oft sparsamer Sprache daher. Er trifft etwas in uns, bringt das zum Klingen und Schwingen. Und unversehens erkennen wir die Bilder und Hülsen des Alltagswahns und die Flut des Schlechten um uns herum. Wir sehen die Strohpuppen, denen wir ebenfalls so gerne unsere Gabeln reingepiekst hatten, und wir spüren noch den Rest populistischen Leims an uns kleben.

    Er führt uns fast schon sanft an unseren Nasenringen an die Diskurse heran, die wir als doch so aufgeklärte Menschlein eigentlich längst und andauernd hätten führen müssen. Gekonnt stolpern wir dabei zwischen erleichterndem und stockendem Lachen hin und her. Kein Spassmacher, kein Clown, … sondern einer, der beim Wort nimmt!

    Und dabei poliert er scheinbar endlos den Flügel auf der Bühne und reinigt diesen von den Fingertappern des Profanen. Trotzdem unser Gewissen, dem wir so dringend bedürfen, uns diese Welt doch immer wieder neu zu durch- und überdenken! Entrüstende, einfache Worte und immer kreisen sie um den Menschen an sich.

    Ein anderer, unglaublich wichtiger Refrain: Ich kanns nicht mehr hören!
    … und doch dürstet uns nach mehr, von seinen Führungen.

    Am Ende verlassen wir von der Katharsis beseelt den Saal in eine Welt, die sich trotzdem nicht verändert hat.

    Comment: Hanno Sepp – 30. Mai 2010 @ 11:23

  2. [...] Auftritt Hagen Rethers hat etwas Kathartisches. Seine Pointen reinigen bei Denkverschmutzung, er währenddessen sein [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Erneut im Mai | Utopie-Blog – 31. Mai 2010 @ 10:46

  3. Hallo Hanno Sepp, schau dir mal meinen Kommentar zum Verhältnis von Aufgeklärtsein und Empathie bei “Erneut im Mai” an. Gruß Paul

    Comment: paul – 04. Juni 2010 @ 21:54

  4. wirklich schön! aber doch schade: selbst stellt er keineswegs die ‘systemfrage’, sondern allein die gier-frage, oder?

    Comment: Kathrin – 18. Juni 2010 @ 23:52

  5. Hagen Rether wie gewohnt bissig, ehrlich und unglaublich direkt

    Comment: Kevin Hausen – 31. Mai 2012 @ 00:31

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