Hyperbaustelle

2110 – Aqua Babel

nov, 16. Juni 2110

Ich stehe an der Küste und schaue hinaus auf das Meer, das sich von den Ölverseuchungen seit der Abschaffung von Bohrinseln in den vergangenen 70 Jahren ein wenig regenerieren konnte. Die Wasserlilie ragt wie ein riesiger Turm aus dem Wasser. In ihr wohnen und arbeiten 30.000 Menschen. Auf den flachen Ausläufern befinden sich Gärten und Felder – ein grandioser Anblick aus der Ferne.

Sehe ich hier ein Symbol der Selbstüberhebung, das Strafe nach sich ziehen wird? Immerhin schuf der Mensch Land auf dem Wasser. Die Bevölkerung der Lilie ist über die neuesten Kommunikationsmittel informativ gleichgeschaltet. Ein ungeheures elektronisches “Geplapper” (hebräisch: Babel), in das sich auch andere Türme einmischen, geht von dieser Stadt aus. Warum sollte diesem Wunderwerk eine babylonische Sprachenverwirrung folgen? Das Einzige, was mich beunruhigt, ist der Umstand, dass die Küste immer weiter Richtung Böhmen zurückweicht.

To be continued …

Alle Tagebucheinträge von nov aus dem 22. Jahrhundert

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 16. Juni 2010 um 12:03 Uhr von nov veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Tagebuch 2112 abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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4 Kommentare »

  1. Ok, ich hab’s gespannt: Böhmen am Meer, das ist eine Anspielung auf die Bachmann und den utopischen Raum, den sie in ihrem Gedicht beschwört:

    Böhmen liegt am Meer

    Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.
    Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.
    Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.
    Bin ich’s nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.
    Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen.
    Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
    Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.
    Bin ich’s, so ist’s ein jeder, der ist soviel wie ich.
    Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehn.
    Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
    Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
    Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.
    Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe
    unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,
    und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen

    Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
    wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
    doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.

    Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
    ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.

    Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
    ich grenz, wie wenig auch an alles inner mehr,
    ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
    begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.

    (zitiert nach: Ingeborg Bachmann, Letzte, unveröffentlichte Gedichte, Entwürfe und Fassungen. Hrsg. v. Hans Höller, Frankfurt/M. 1998, S. 117)

    Gruß Paul

    Comment: paul – 16. Juni 2010 @ 12:44

  2. Alle Achtung, Paul, gelernt ist gelernt! urb

    Comment: urb – 16. Juni 2010 @ 16:09

  3. das innere Meer… wunderschön, poetisch…. ich danke euch beiden..Liebe Grüße, nina

    Comment: nina – 16. Juni 2010 @ 23:03

  4. [...] vorne und hinten inzwischen etwas verändert: Am meisten wurde inzwischen auf Ruinen zugegriffen, Aqua Babel hat Partyholoschizophrenie auf Platz 10 [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Herbstwandel | Utopie-Blog – 02. Dezember 2010 @ 09:53

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