Hyperbaustelle

Lichtgestalten im Dialog

Jubiläum: Zum Goethe-Jahr 1999 sah ich mich veranlasst, einen Hypertext zu programmieren, der die Produktivität der Verständigung von Goethe und Schiller zum Thema hatte. Die beiden Lichtgestalten bewältigten 1799 in ihrem weltbekannten Briefwechsel fast jedes ästhetische, kulturelle und pathologische Problem.

Das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar; Foto: uip

Das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar; Foto: uip

Zum Briefgenerator

Die Dioskuren der Weimarer Klassik schrieben sich 1799 138 Briefe. Jeden zweieinhalbsten Tag des Jahres sandten sie an den anderen oder erhielten vom ihm Post, und jede einzelne Sendung hatte meist eine beträchtlich Länge. Die Herren waren nur dann kurz angebunden, wenn sich Schiller in Weimar aufhielt und sie sich brieflich zu Gesprächen, Theater, Essen etc. verabredeten. Das nenne ich Disziplin und Mitteilungsbedürfnis, von dem sich selbst eine hartgesottene Internetcommunity einen ganzen Aufschnitt abschneiden kann.

So viel Dialog muss die Menschheit als ganze weiterbringen und ist, vollkommen ohne Ironie gesprochen, bewundernswert. Die dem Wort Verschriebenen haben der Nachwelt, wie ich finde, zeitlose Kommunikationsbausteine hinterlassen, die eine Hypertextmaschine immer wieder zu neuen Briefen mit eigenem Sinn zusammensetzen kann. Ihr seht also, die Programmierung eines Generators war eine höhere Eingebung.

Den Briefgenerator habe ich hier auf den Server gestellt. Absender, Empfänger, dritte Person und Ort, über die gesprochen wird, lassen sich mit in die Briefe einbauen. Die Maschine ist unter http://www.hyperbaustelle.de/goethe/goethe.htm direkt aufzurufen, samt einiger Infos rund um die beiden Weimarer. Ich rate euch mit den Worten Schillers, sich dieses Produkt wundershalber doch anzusehen.

In nächster Zeit werden in der Rubrik Maschinen noch einige Hypertextgeneratoren folgen. Solche Generatoren haben mich immer begeistert, weil der Zufall sehr poetisch ist und schöne Kombinationen hervorbringt. Die sagen einem manchmal mehr als Tage lang »zu Ende« Gedachtes. Ähnliche Produktionsmethoden pflegten auch die Dichterfürsten: »Ich muß mich nur, nach Ihrem Rat, als eine Zwiebel ansehen, die in der Erde unter dem Schnee liegt, und auf Blätter und Blüten in den nächsten Wochen hoffen.«

Dieser Beitrag wurde am Samstag, 03. Oktober 2009 um 21:37 Uhr von urb veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Literatur / Film abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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3 Kommentare »

  1. [...] Zweifel gibt es manche stark vermittelte Kommunikationsformen – wie die Geschichte des Briefwechsels beweisen mag – die zweckmäßiger und intensiver über Internet und Cyberspace verlaufen. [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Surrogates | Utopie-Blog – 19. Oktober 2009 @ 01:04

  2. [...] Kabarett und Jazz, die festverankert in der Gesellschaft dennoch Denken und Sinne öffnen, der Dialog zweier Dichter und Denker oder die Erzählung, in der Geschichte zu einem gemeinsamen und [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Utopie im Oktober | Utopie-Blog – 02. November 2009 @ 14:22

  3. [...] Kabarett und Jazz, die fest verankert in der Gesellschaft dennoch Denken und Sinne öffnen, der Dialog zweier Dichter und Denker oder die Erzählung, in der Geschichte zu einem gemeinsamen und [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Utopie im Oktober | Utopie-Blog – 24. September 2010 @ 01:27

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