Hyperbaustelle

Wie viel Meinung kann ich mir leisten?

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Das ist keine politische Frage. Keine psychologische. Sondern eine Kapazitätsfrage. Über Dinge nachzudenken, kann sehr anstrengend sein, wenn man aus verschiedenen Gründen täglich gefordert ist. Durch Arbeiten. Verwalten. Erziehen. Betreuen. Bewegen. Erholen. Kommunizieren. Konsumieren. Wo bleibt dabei das Bloggen?

Marodes Telefon in Griechenland

Steht der Kanal? Moderne Kommunikationsmittel haben ihre Tücken. Foto: urb

Mit Sicherheit ging es dem einen oder anderen von euch auch schon so: Viel Lust, Ideen und Einsicht in eine gewisse Notwendigkeit der Meinungsäußerung, aber praktisch keine Zeit mehr, um dem Ganzen nachzukommen. Ob ich in Social Media abgesoffen bin? Das wäre angesichts des explosionsartigen Wachstums von Facebook und der allgemeinen Meinungshuberei eine gerechtfertige Frage. Aber bei mir war es das analoge Leben, das mir plötzlich einen enormen Energieaufwand abverlangte. Wie könnte man da nein sagen?

Natürlich ist es auch möglich, allein mit Bloggen auszubrennen. Schließlich überlässt man sich einem Rhythmus, der einfach zu schnell für einen einzelnen Menschen ist. Wer nicht radikal Einschau hält oder es geschafft hat, sich qua Prominenz zur omni-lesenswerten Banalität zu machen, hat zu tun – insbesondere wenn er sich mit seinen Themen in ein Umfeld einbetten möchte: Da gibt es eine Menge von Tickern zu scannen, Websites zu sondieren, Twitter- und Facebook-Meldungen zur Kenntnis zu nehmen und Fernsehsendungen zu überwachen. Manchmal kann man sich vor lauter Inspirationen gar nicht mehr erinnern, über was man eigentlich schreiben wollte.

Kommt dann aber noch das „normale Leben“ dazu, gerät der Blogger arg unter Druck, zumal ihm dieses ja auch noch Ideen einpflanzt, über was er bloggen sollte. Aber die Zeit zum Formulieren fehlt. Ab und zu trifft er dann „ganz normale Leute“, die sich viel häufiger als er online herumzutreiben scheinen. Unglaublich! Die waren doch gar nicht bekannt dafür, eine besondere Medienaffinität zu besitzen. Die machen online doch eigentlich nur das, was sie offline oder zumindest per Telefon auch tun: schauen, ob der Kanal steht, versuchen an Kunden zu kommen, sich über neuesten Klatsch oder perfideste Konsumartikel austauschen … Nur das Freundschaftenschließen gelingt ihnen hier definitiv leichter als in der analogen Welt.

Das gibt einen schmerzhaften Stich, spürbar in den vorderen Stirnlappen, die ihre Inhalte so gern ins WordPress-Eingabefeld gießen würden. Ein „Gefällt mir-Button“ wäre doch schnell gedrückt. Zumindest etwas, oder!? Nein, so tief sind wir noch nicht gesunken. Dass wir auf jeden Schnabelfleck picken, den uns die großen Konzerne hinhalten. Dann lieber schweigen. Und was soll das überhaupt, diese Bloggerei? Narzisstische Verbalausdünstungen! Unsinniges Senftdazugeben in den allgemeinen Meinungsbrei. Engagement findet letztlich doch woanders statt. In den sozialen Medien tummeln sich schließlich nur, wie man draußen dauernd gesagt bekommt, die sozialen Verlierer. Alles ist also besser, als sich hier etwas zu beweisen, von dem man gar nicht weiß, was es beweisen soll.

Und dann geht weit drinnen doch wieder ein kleines Flämmchen an, oder wie man die Vorstellung einer idealen Kommunikation auch nennen mag. Eine, die Raum hat und Zeit. Eine, die sich nicht kurz fassen muss oder von Kindergeschrei übertönt wird. Eine, die keinen Druck macht, sondern warten kann. Eine, die nicht in Livree vor der Tür steht und sich nicht verstellen muss. Eine, die nicht im Schreibtisch inhaftiert ist. Eine, die darüber nachdenken kann, wie es sein könnte – ohne dauernd damit gegängelt zu werden, wie es sein muss. Eine, die man auch nachts alleine vor dem PC betreiben kann, wenn die Ruhe da ist, die man normalerweise bräuchte, um zu kommunizieren.

Dieser Beitrag wurde am Samstag, 05. November 2011 um 15:24 Uhr von urb veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Erlebnis, Politik / Gesellschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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3 Comments »

  1. Hi urb, du scheinst wieder weiterzumachen! Freut mich! Das von dir beschriebene Kapazitätsproblem kann ich gut nachvollziehen. Mir geht es ja beim Informationen sammeln und lesen schon so! Denke auch, dass über einen Blog gut zeitlich versetzt kommuniziert werden kann. Wenn man also schon ohnehin wenig Zeit hat, nicht die schlechteste Alternative! Gruß Paul

    Comment: paul – 07. November 2011 @ 15:11

  2. Hallo urb,
    das soll bei Gott keine Aufforderung sein weiterzumachen (ich persönlich freue mich mittlerweile schon über alles, was NICHT zu Lebzeiten veröffentlicht wird) – aber es ist schön, mal wieder auf diese Seite zu kommen und einen neuen Eintrag zu sehen!
    Viele Grüße, ab

    Comment: ab – 08. November 2011 @ 20:35

  3. Hi Paul, hi ab, schön, auch von euch wieder zu lesen und dass ihr, wie ich, die zeitlich versetzte Kommunikation pflegt. Die hoffentlich nicht bis übers Ableben hinaus versetzt wird. Welche Lebzeiten meinst du, ab, deine oder die aller lebenden potenziellen Produzenten? Beste Grüße urb

    Comment: urb – 09. November 2011 @ 13:33

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