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Realitätenvermittler

Haben Sie einen persönlichen Realitätenvermittler? Thomas Bernhard hatte einen: Karl Ignaz Hennetmair, der bereits bei Harald Schmidt über seinen berühmten Weggefährten Auskunft gab und Bücher veröffentlicht hat wie »Ein Jahr mit Thomas Bernhard«. Realitätenvermittler heißen in Österreich übrigens die Immobilienmakler, aber mit diesem Begriff wäre Hennetmairs Beziehung zu Bernhard nicht angemessen gewürdigt.

Die Krucka auf dem Grasberg

Hennetmair unterwegs zur Krucka auf dem Grasberg; Foto: urb

Dem Thomas Bernhard in Österreich nachzuforschen ist eine spannende Angelegenheit. Nie weiß man, welche Einschätzung einem an der nächsten Ecke begegnet. Mir begegnete Hennetmair, und mit ihm ging ich auf Tour, die Häuser, die er Bernhard vermittelt hatte, standen auf dem Programm. Im Gasthaus in Reindlmühl unterhalb des Grasbergs, wo das Haus Krucka steht, sprach Hennetmair kurz mit dem Wirt, der kam gleich an unseren Tisch und fixierte mich drohend: »Dass Österreich die Eiterbeule Europas ist, das hätte der Bernhard nicht sagen müssen.«

Jemanden auf den Boden der Realität zurückholen, das klingt nach einem unsanften Ereignis. Und Karl Ignaz Hennetmair ist, wie ich während der langen Autofahrten spüren durfte, ein unsanfter Monologisierer, der für Bernhard vielfach in die Bresche sprang und in Wirtshäusern oder Gesellschaften Gespräche anfing, die Bernhard belauschte und literarisch verarbeitete. In »Ja« hat Bernhard ihn als Moritz verewigt, in »Ungenach« trägt Notar Moro seine Züge.

Gut, ich weiß nicht, ob ich mir gerne die Realität von Herrn Hennetmair vermitteln lassen würde, denn er ist der manische Typ, den man so gut aus Bernhards Werk kennt. Der nicht mehr loslassen kann, wenn er sich einmal in ein Thema verbissen hat. Hennetmair hat Bernhard zu seinem Ding gemacht, was schon der Domainname seines Thomas Bernhard Privatarchivs beweisen mag: www.thomasbernhard-hennetmair.at.

In den von Hennetmair geschilderten Gesprächen erscheinen er und Bernhard merkwürdig amüsiert. Sie frönen gemeinsam einfachen Freuden und patrouilleren um Liegenschaften, Einrichtungsgegenstände und Antiquitäten. In allen Dialogen wird die Problematik sozialer Beziehungen deutlich, wobei Hennetmair der Einfühlsamere ist. Er kann als Händler auch eigennützige Beweggründe bei anderen akzeptieren. Bernhard dagegen neigt dazu, durch alles beleidigt und gekränkt zu sein und Kontakte beim geringsten Zweifel zu kappen.

Hennetmair nannte Bernhard ein Christkindl, das man an der Hand nehmen müsse, aber auch einen Provokateur und ein menschliches Scheusal, der ihm sein Engagement nicht gedankt hätte. Sein Verhältnis zu Bernhard darf man als ambivalent bezeichnen, weil er sich gebraucht und verraten zugleich fühlte. Danken wir also Karl Ignaz Hennetmair umso mehr für die Vermittlung der Realität an einen Schriftsteller,  der ohne diese Rückbindung möglicherweise gar nicht über die Runden gekommen wäre. Zumindest würde man schöne Details im Werk vermissen, die Hennetmair zugänglich gemacht hatte.

Bernhard und Hennetmair geben zusammen das ideale Paar ab, einen Schriftsteller, der sich nicht ins Wolkenkuckucksheim spintisiert, sondern an der brutalen Wirklichkeit abarbeitet. Bernhard allein empfand sie zeitlebens als Material, das ihm Widerstand entgegensetzte. Mit seinem Realitätenvermittler bekommt sie mitunter versöhnliche Züge, nicht zuletzt deshalb, weil dieser als Bollwerk wirkte und den Widerstand milderte. Und bei Bernhard wird die Utopie des Einfachen und Unprätentiösen deutlich, die auch fast unmerklich in seine Romane und Erzählungen einfließt.

Dieser Beitrag wurde am Samstag, 13. März 2010 um 15:11 Uhr von urb veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Literatur / Film abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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