Hyperbaustelle

Die Frith-Experimente

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Fred Friths Gitarrenbehandlung ist gewöhnungsbedürftig – aber was erkennen wir schon noch in unseren Hörgewohnheiten? Die Grenzen der Musik erweitern, Klänge suchen und Instrumente ausloten, das ist das Ziel des britischen Ausnahmemusikers zwischen Artrock und humorvollen Klangcollagen, Avantgarde-Folk und Jazz-Improvisation.

Seit ich 1990 den preisgekrönten Film »Step Across the Border« der Schweizer Dokumentarfilmer Nicolas Humbert und Werner Penzel in einem alternativen Programmkino gesehen habe, ließ mich Friths Musik nicht mehr los. Als Frith seine Gitarre mal wieder mit Bändern, Stöcken und Knabbersachen traktierte, riefen Zuschauer empört dazwischen, dass sie nicht mehr wüssten, was dieser Scheiß wohl sein solle. Das könnten sie auch gerade noch. Und das ist ein Trugschluss: Nicht viele haben die Gabe, Außermusikalisches musikalisch zu übersetzen und die Grenzen dessen, was Musik ist, ständig zu verschieben.

Frith machte Hoffnung darauf, dass in der Musik etwas Neues entstehen konnte. Die Einfachheit und Wiedererkennbarkeit seiner Klangstrukturen faszinierten, und zwar in einer Zeit, in der die Jazzrock-Rifts einen Grad an Komplexität erreicht hatten, der sie kaum mehr rezipierbar machte. Frith goss den Balsam der Eingängigkeit über die strapazierten Partituren. Er öffnete die Musikszene. Seine Wendung Richtung Japan beispielsweise brachte neue Impulse. Mit seinem Spieltrieb lotete er Instrumente auf ihre letzten unerforschten Winkel hin aus.

Fred Frith: »Für die Improvisation, die Begegnung mit dem Unerwarteten muss man leer sein. Leer und erdverbunden, wie beim Tai Chi. Man versucht, alle Ideen und Pläne zu vergessen – dann kommen die Dinge auf einen zu und man beginnt, damit zu arbeiten. Neue Klang- und Spielmöglichkeiten zu finden, ist keine Suche nach dem Neuen, sondern vielmehr der Ruf nach einer Ausdrucksform, die wahr ist. Und um diese Wahrheit auszudrücken, muss sie aus dir selbst kommen – sonst imitierst du nur etwas.« (Interview aus »Step Across the border«)

Seine akustischen Nachahmungen von Natur und alltäglichen Geräuschen weisen auf ein fast pythagoreisches Harmonieverständnis hin. Bei diesen Nachahmungen wird ein Geräusch nicht bloß wiedergegeben, sondern als Bewegung durch den subjektiven Filter hindurch nachempunden und in einer musikalischen Struktur veredelt. So kann Frith mit der E-Gitarre den Wind in Bäumen und mit der Geige das Krächzen der Möven aufnehmen. Und eine Teigknetmaschine wird zur Rhythmusgruppe.

Wer sich den Film »Step Across the Border« anschaut, wird entdecken, dass die Potenzialität, die Friths Stücke enthalten, noch nicht abgegolten ist. Die schweizerischen Filmemacher haben ihn auf seinen Reisen quer durch die Welt begleitet,  wo er nicht nur nach Spielpartnern suchte, sondern immer auch nach neuen bzw. latent wahren Klängen und Rhythmen.

Lest auch:
http://www.fredfrith.com/
http://de.wikipedia.org/wiki/Fred_Frith
http://www.lastfm.de/music/Fred+Frith

Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 22. März 2011 um 09:13 Uhr von urb veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Musik / Kunst abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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1 Kommentar »

  1. [...] Urb Urbens/ Crosspost Hyperbaustelle [...]

    Pingback: Philosophische Schnipsel » Die Frith-Experimente – 23. März 2011 @ 10:08

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