Hyperbaustelle

src = Utopie?

Für Webpioniere war der Hypertext eine Utopie der subjektiven Verknüpfungen. Weil alles mit allem verbunden werden kann. Weil die Herkunft des einzelnen Textelements (der Autor) in großen Netzcollagen ins Schweben gerät. Ist dieses Attest in einem auf Vermarktung abzielenden Umfeld eigentlich gerechtfertigt? Bedenkzeit auf der Hyperbaustelle.


Der Lyrikdienst von Martin Auer liefert mit jedem Reload der Seite einen neuen Haiku per Zufallsgenerator. Ein schöner Kontrast: Mitten im globalen Hypertext wählt Auer diese vollkommen in sich ruhende Form.

Unter Hypertext versteht man die Integration verschiedenster Text- und Bildquellen (der HTML-Parameter “src” steht für  source), die beliebig miteinander verknüpft werden können. Die Vernetzung des einzelnen Textes mit vielen anderen wurde schon von ihrem Erfinder Ted Nelson (1965) als biologische Form beurteilt, weil sie der Informationsverarbeitung im Gehirn ähnelt, die simultan, flexibel und komplex vonstatten geht. Durch die “Allverknüpfung” würden, so die Theoretiker, narrative Strukturen aufgebrochen, die das gute, alte Real Life ordneten. Dem ist entgegenzuhalten:

  1. Das reale Leben war samt seinen Erzählungen immer schon ein äußerst komplexes Verknüpfungs- und Verkettungsdrama.
  2. Die obige Aussage würde praktisch unterstellen, dass Hirnstrukturen und narrative Ordnungskriterien nichts mit einander zu tun haben. Wo man doch eher davon ausgehen kann, dass sie spiegelbildlich aufeinander bezogen sind.
  3. Die meisten im Internet angebotenen Webdokumente sind streng hierarchisch aufgebaut, rechtlich-formal stark eingeschränkt und oft langweiliger strukturiert als ein althergebrachtes Inhaltsverzeichnis.

Die Potenz eines Hypertexts macht sich also vor allem durch Hyperlinks bemerkbar. In der Wirklichkeit des Cyperspace werden die klickbaren und direkt weiterführenden Verweise eher vermieden, um nicht vom eigenen Angebot wegzuleiten. Strukturell gesehen, sind die wenigen Links dann kaum fortschrittlicher zu nennen als ein flaches wissenschaftliches Fußnotensystem. Die Flachheit ist häufig ein Attribut aller verwendeten Elemente. Die Tendenz der unter ergonomischen Gesichtspunkten erstellten Webangebote ist daher klar abzulesen: einfachste Strukturen mit abwechslungsreicher Oberfläche, die grafische Variation gleichbleibender Muster.

Den Impressi kann entnommen werden, dass sich die mit der Verlinkung verbundene Rechtsproblematik stark beschränkend auswirkt: Über jedem Webauftritt schwebt die Angst, für gesetzte Links haften zu müssen, falls man sich nicht schriftlich distanziert (Update, siehe Kommentar Claudia). Und wenn das neue Leistungsschutzrecht greifen sollte, zahlt man sogar für die Verlinkung auf Seiten mit geschützten Inhalten. Auch das eher eine Tendenz, die der Entfaltung einer “biologischen Informationsverarbeitung” entgegenwirken dürfte.

Zu prüfen ist in diesem Zusammenhang auch die These vom Verschwinden des Autors, der eine Funktion des Marktes und der Sicherung von Rechten ist. Um die Aufmerksamkeit von Nutzern zu erhalten, muss sich eine Marke, ein Name ausprägen. Der Autor ist im Kraftfeld der Erwerbsarbeit eine Existenzsicherungsstrategie. Die Blogosphäre hat zwar die Rechtsproblematik in Ansätzen aufgehoben, weil sie nicht kommerziell agiert oder nur kleines Geld durch Klickraten verdient. Was sich in vielen Fällen nur um so deutlicher etabliert hat, ist das narzisstische Beharren des Autors, der eine feste Adresse im Netz hat und ganz mit seiner ihn auszeichnenden Subjektivität identisch ist – auch weil er nicht selten über das werbende Gratisnetzangebot hinaus seinen Ruf als Berater oder Experte festigen muss.

Durch die Dominanz des Bewegtbildes ist das Internet wieder ein bisschen wie Fernsehen geworden: Es gibt Kanäle, denen man sich zuschaltet. Videos stehen im Zentrum einzelner Seiten. Klar, per Feedbackbox darf man seine Meinung zurücklassen. Aber der lineare Ablauf innerhalb eines Videos ist unabänderlich vorgegeben, also in diesem Sinne ein Rückschritt, weg von der Polyvalenz hin zur Linearität. Dass es viele Videos nebeneinander gibt, die alternativ auszuwählen sind, entkräftet dieses Argument nicht.

Was in experimentellen literarischen Texten passiert, kann das Netz nur in Einzelfällen aufbieten. Zum Beispiel könnte man eine Lyrikmaschine bauen (Links siehe auch im Folgenden unten), die durch Verlinkung einen n-dimensionalen Raum simuliert. Oder Texte lutzen – ihre stochastische Generierung ist vor allem mathematisch interessant. Oder die Poeme in Form eines Schachbretts anordnen und per Rösselsprung oder Läuferdiagonale die Zeilen wechseln. Oder ein Schreibprojekt organisieren, an dem viele mitschreiben und untereinander andocken.

Der Netzliterat Martin Auer hat in der Lyrikmaschine sein Gedankenuniversum vor uns ausgebreitet. Wieder ein Autor also, der beispielhaft dafür steht, wie Sinnverknüpfungen potenziert werden können, ohne dass vor allem nur an der Oberfläche poliert wird und jede Tiefenwirkung ausbleibt. Wie »Irrwege die kürzeste Verbindung zwischen je zwei Gedanken sind« kann man ansonsten jedoch nur noch sehr spärlich online nachvollziehen. Leider sind viele Hyperfictions bereits wieder aus dem Netz verschwunden. Umso schöner ist es, dass Claudia Klinger vor nicht allzu langer Zeit den Zugang zu ihrem Webarchiv – einem Wald aus Wörtern, Metapher für einen vielstimmigen Text – geöffnet hat.

Lest auch:
http://www.martinauer.net/lyrikmas/_start.htm
http://auer.netzliteratur.net/0_lutz/lutz_original.html
http://auer.netzliteratur.net/poemchess/pochess.htm
http://auer.netzliteratur.net/index_hyperfiction_a.htm
http://www.claudia-klinger.de/archiv/wald/ww.htm
http://www.dopa.de/stimme/intro.html
http://www.netlit.de/start/
http://www.netzliteratur.de

Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 16. November 2010 um 10:00 Uhr von urb veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Literatur / Film, Medien / Web abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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4 Kommentare »

  1. Danke für die Erwähnung! :-) Ja, das waren noch Zeiten, als man Webseiten “erwandern” musste und oft auch erst mittels wildem Mauswedeln über die Oberfläche heraus finden, wo der Link sitzt! Dazu hat heute keiner mehr Zeit und Lust…

    Ein kleine Korrektur:

    “Man haftet für einen gesetzten Link, falls man sich nicht schriftlich distanziert. ”

    Das ist eine alte Mär, die sich seltsamerweise bis heute hält und immer noch Leute motiviert, nutzlose Distanzierungstexte mit Verweis auf ein missverstandenes Urteil des OLG Hamburg zu verfassen.
    Komplett unsinnig und wirkungslos! Man haftet für Links auf rechtswidrige Inhalte, da hilft auch keine Distanzierung (sonst gäbe es doch jede Menge Linklisten mit Verweisen auf zweifelhafte Seiten!).

    Hier ein erhellender Text dazu (einer von vielen, aber anscheinend liest die niemand)

    * Der Disclaimer: Ein modernes Märchen?
    http://www.e-recht24.de/artikel/haftunginhalte/73.html

    Lieben Gruß
    Claudia

    Comment: Claudia – 17. November 2010 @ 09:48

  2. Danke für den Hinweis, Claudia, ich habe den Post entsprechend angepasst. Es bleibt aber die verknappende Qualität, dass der Link eher rechtlich-formal als inhaltlich-erweiternd betrachtet wird.

    Der Text auf eRecht 24 ist interessant. Wenn ich ihn recht verstanden habe, genügt eine allgemeine Distanzierung, quasi für sämtliche Inhalte einer Website nicht. Man müsste also darstellen, inwiefern man sich distanziert, z.B. in einem Text, der auf eine Nazi-Seite verlinkt, aber sich klar gegen diese rechtsradikale Vereinigung ausspricht. Oder verstehe ich das falsch?

    Comment: urb – 17. November 2010 @ 14:39

  3. Zu diesem Artikel passt doch der Warnruf von Tim Berners-Lee ausgezeichnet: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,730259,00.html

    Der Daten-Silo Facebook ist das genaue Gegenteil einer Verlinkungsutopie, von einem “universellen, verbundenen Informationssystem”, wie er das World Wide Web sah.

    Gruß Paul

    Comment: paul – 26. November 2010 @ 13:32

  4. [...] Utopie des Hypertexts, seine in die Tiefe gehenden, kreativen Vernetzungen, wie sie in Pionierzeiten beschworen wurden, [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Herbstwandel | Utopie-Blog – 01. Dezember 2010 @ 16:59

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