Hyperbaustelle

Hirne im Dreivierteltakt

Walzerharmonie wäre zu viel gesagt, aber Filmen zuschauen und Gespräche führen taktet und bringt in Gleichklang. Die Neurowissenschaftler von der Princeton Universität erbrachten einen neuen Beleg für die Empathie- und Antizipationsfähigkeit des Menschen. Und dafür, dass Rezipieren und miteinander reden vorausschauende Angelegenheiten sind.

Inter-subject correlation analysis (ISC)

Uri Hasson ist u.a. ein Vertreter der Neurocinematics, der Neurowissenschaft des Films. Die "inter-subject correlation analysis" (ISC) zeigt die Hirnaktivitäten während des Betrachtens eines Films, die Muster der Probanden gleichen sich bei jedem Film.

»Wir funken auf einer Frequenz!« Wer das behaupten kann, darf sich glücklich schätzen. Ich meine hiermit nicht die Schliche beim Verkaufsgespräch, sondern das Gefühl, dass die Welt so ist, wie sie mir mein Gegenüber schildert, und dass ich exakt genauso denke. Man mag es geistiges Netz genannt haben, im Zeitalter der Hirnvermessung wird dieses Phänomen als »Korrelation von Hirnaktivitäten« bezeichnet. Was so viel heißt wie: Die neuronale Aktivität des Zuhörers wiederholt die des Sprechers.

Uri Hasson hat mit Kollegen von der Princeton University mittels Hirnscanner herausgefunden, wie sich Gehirne unterhalten. Es entsteht eine enge Verknüpfung, weil sowohl beim Sprecher als auch Hörer identische Hirnareale aktiv werden. Aber damit noch nicht genug: Einige Gehirnregionen übernahmen zudem die Aufgabe, Voraussagen über den Fortgang der vom Sprecher erzählten Geschichte zu treffen: Beim Hörer wurde Aktivität verzeichnet, noch bevor sie im Hirn des Sprechers messbar wurde. Je ausgeprägter die Kopplung dieser vorausschauenden Areale war, desto besser hatten die Hörer die Geschichte verstanden.

Meines Erachtens ist dieser Befund noch über die Entdeckung der Spiegelneuronen zu stellen, wie sie Jeremy Rifikin in seinem Buch »Die empathische Zivilisation« als Beleg für die empathische Grundausrichtung des Menschen heranzieht. Denn gleicht sich ein Gehirn in seinen Aktivitäten weitest möglich dem des Senders an, ist Verstehen und Einfühlen nicht mehr nur auf “eine Neuronenart” beschränkt, sondern wird zu einem Phänomen des gesamten Gehirns, das ein anderes auf die Dauer gesehen vielleicht sogar strukturell nachbildet.

Und jetzt der entscheidende Punkt, der weit über die sprichwörtliche Gedankenschmelze hinausgeht und ein Beleg für die materielle Verortung der antizipierten Realtität einer konkreten Utopie ist. Der Gleichklang zwischen Gehirnen deutet nicht nur auf eine, banal-amerikanisch gesprochen, erfolgreiche Kommunikation hin. Denn im Hirn finden sich Arreale, die die Aufgabe übernehmen, vorauszudenken, aus dem bis dato Erfahrenen Schlüsse zu ziehen, Muster zu erkennen und diese weiterdenkend anzuwenden.

Hieraus wird klar, dass Verstehen ein aktiver, kreativer und vorausschauender Prozess ist. Ein solches Denken fördert nicht nur das Verständnis eines sprechenden Gegenübers, wie es Uri Hasson beschreibt, indem es sich vorauseilend durch dessen Aussagen nur noch bestätigen lässt, sondern es zeigt auch die antizipatorische Potenz des menschlichen Gehirns, über das Gegegebene hinauszudenken und mögliche Entwicklungen zu entwerfen. Eine weitere Schlussfolgerung gibt möglicherweise Anhaltspunkte für die Erklärung von Intuition und Vorstellungskraft: Der Einfühlung ist es möglich, dem materiellen Ereignis vorauszueilen oder sogar unabhängig von diesem zu Ergebnissen zu kommen.

Lest auch:
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/1040548
http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/1040713&_z=798884
http://www.cns.nyu.edu/labs/heegerlab/content/publications/Hasson-Projections2008.pdf

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 29. Juli 2010 um 12:10 Uhr von urb veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Wissenschaft / Technik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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6 Kommentare »

  1. Was sagt denn das jetzt eigentlich über die Qualität der Filme aus …? Hitchcock ist am intellektuellsten?

    Comment: mule – 29. Juli 2010 @ 13:51

  2. Das sagt im Grunde nur aus, dass uns Hitchcock am meisten stresst und Larry David mit ihm verglichen ein Langweiler ist. Gut vielleicht noch, dass Filmspannung gut gegen Alzheimer ist und Parkatmosphäre bis zum Hirntod entspannen kann.

    Aber die Rezeption war in allen Fällen bei allen Probanden mit großer Übereinstimmung ähnlich: Also es gibt ein Hitchcock-Aktivitätsmuster und ein Parkparalyse-Muster.

    Comment: urb – 29. Juli 2010 @ 15:28

  3. Und was ist mit Lynch? Bei MD werde ich immer nervös.

    Comment: mule – 01. August 2010 @ 22:55

  4. Außerdem hab ich gestern mal wieder Eastwood gesehen, Zwei gloreiche Halunken. Der Schluß ist – obwohl im Film viel Kinderpsychologie ist – kognitiv durchaus herausfordernd. Lacan hätte seine helle Freude gehabt.

    Herr Zizek

    Comment: mule – 01. August 2010 @ 22:59

  5. Lynch ist ein ganz schwerer Fall, den man am besten entspannt auf dem Aufsitzrasenmäher rezipiert. Der Filmemacher, der tote Katzen im Kühlschrank lagert, erzeugt blinkende Hirne. Das heißt, auf den Zustand der Totalaktivierung folgt der sofortige Absturz ins Nichts, wenn er uns wieder und wieder die Möglichkeit einer rationalen Auflösung entzieht – vielleicht daher die Nervosität.

    Comment: urb – 02. August 2010 @ 15:38

  6. [...] ein Wesenszug des Menschen ist und stark mit Empathie bzw. Einfühlung zusammenhängt, scheint die Hirnforschung zu bestätigen. Vorausschauende Areale im Gehirn sorgen für das Verstehen von Geschichten und [...]

    Pingback: Hyperbaustelle » Nachhaltiger Juli | Utopie-Blog – 03. August 2010 @ 23:30

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